tl;dr: Der Congress bleibt in Hamburg, zieht aber vom CCH in die Messe. Mit dem Mehr an Platz wollen wir das Gedränge reduzieren und eine Rückkehr zur Dezentralisierung unterstützen. Am besten gelingt uns das, wenn ihr Banden bildet und die neuen Räume für den 40C3 mit uns zusammen gestaltet.
Eine Bestandsaufnahme
Nachdem wir zusammen schon acht Congresse im CCH gerockt haben, müssen wir uns ein paar Realitäten stellen: Der Congress ist aus dem Gebäude deutlich herausgewachsen. Wir sehen das an den Menschen, die gerne mitmachen wollen, aber kein Ticket bekommen oder – wenn sie eins ergattern konnten – für ihre Installationen oder Projekte keinen Raum auf der Veranstaltung finden. Kurzum: Wir haben das CCH durchgespielt und erfolgreich alle Freiräume beseitigt.
Besonders nach der Corona-Pause hat uns das Haus wertvolle Dienste geleistet: Nach den unendlichen Freiheiten in den riesigen Hallen der Messe Leipzig, die eingespielte Teams erforderte, fanden wir im CCH wieder fertige Bühnen, abschließbare Räume am laufenden Bande und all den Luxus vor, den Konferenzgebäude eben so mit sich bringen. Damit konnten wir uns wieder voll auf die Community und Inhalte konzentrieren, ohne von der Logistik überwältigt zu werden. Doch jetzt, wo sich das Muskelgedächtnis in allen Teams wieder regeneriert hat und wir jede Nische des Hauses nutzen, werden auch die Grenzen dieser Location deutlich.
Wir sind in eine Situation übergegangen, wo wir inzwischen mehr verwalten als gestalten und die zwangsläufig zu einer zunehmenden Zentralisierung von Entscheidungen – meist Absagen – führte. Das Chaos ist aber großer Fan der Dezentralisierung und all unsere Events leben von neuen und erfahrenen Teilen der Community, die Gestaltungsideen und Heißhunger auf ein Verwirklichungserlebnis mitbringen. Diesen wichtigen Impulsen von innen und außen konnten wir zunehmend schwerer angemessenen Raum geben.
Der Congress blitzt und blinkt inzwischen an allen Ecken. Das ist geil und wer Lust hat, kann sich ein Erlebniskontingent für Monate an nur vier Tagen druckbetanken. Doch gleichzeitig blitzt und blinkt der Congress an allen Ecken. Das ist auch belastend, der Platz zum Durchatmen, in Ruhe Zusammensitzen und Pläne Machen ist geschrumpft. Wir sehen, dass die Personendichte pro Kubikmeter auf ein Maß angestiegen ist, das Teile unserer Community zunehmend an ihre Belastungsgrenzen treibt.
Um nach dem Umzug aus der Messe Leipzig die vertrauten und liebgewonnenen Strukturen und Infrastrukturen in der Community halten zu können, die inzwischen schon weit vor dem Congress mit den Füßen tappeln, mussten wir zuletzt überall zurechtstutzen: Weniger Vortragssäle, weniger Ruheräume, weniger Partyfläche und eine Lounge ein Stück weit entfernt.
Wo jetzt weiter?
Schon in den letzten Jahren haben wir uns daher nach Kandidaten für eine frische Congress-Erfahrung umgesehen, die sich alle am CCH messen lassen müssen, und für den 40C3 haben wir uns nun entschieden: Wir ziehen in die Hallen der Messe Hamburg gleich ums Eck.
Wir haben Hamburg als Ort liebgewonnen und wollen da bleiben. Praktischerweise befindet sich die Hamburger Messe mitten in der Stadt, wir könnten aus dem CCH bereits draufgucken und können auf erprobte Infrastruktur in Laufweite zurückgreifen. Anreise, Unterkünfte, Nahrungsbeschaffung: Ihr kennt euch bereits bestens aus. Orgastrukturen, Logistikerfahrung, Support-Kollektive: Wir kennen uns bereits bestens aus.
Gleichzeitig wollen wir die in der Messe Leipzig reichlich gesammelten Erfahrungen nutzen, um das beste aus dem neuen Ort zu machen. Dabei denken wir, in der Messe Hamburg das Beste aus beiden Welten zu haben: die radikale Freiheit und die Infrastruktur-Vorteile der zentralen Lage.
Unsere Lehren aus Leipzig
Wir ziehen dabei nicht einfach nur in größere Hallen, wir haben dabei einen riesigen Erfahrungsschatz aus drei Jahren Leipzig im Gepäck, wie man den Herausforderungen nackter und grauer Messehallen kreativ begegnet. Denn da ihr den Charakter des Congress’ kennt, wisst ihr auch, dass wir nackte Wände als einen „nur noch nicht ausreichend gestalteten Rahmen“ betrachten.
Genauso wollen wir die Hallen für euch schon vorstrukturieren und nicht einfach nur befüllen. Wir schaffen bewusst Kieze, die einerseits Geborgenheit, aber gleichzeit die Freiheit geben, beim Umherwandern der Community in all ihren Facetten zu begegnen, ohne sich in den Hallen verloren zu fühlen. Wir wollen nicht einfach nur „mehr Platz“, sondern bewusst angebotene Freiräume schaffen, diese aber mit Rahmen gebender Infrastruktur anreichern.
Obwohl die Messe mit noch viel mehr Hallen und somit mehr Platz zum Austoben lockt, wollen wir zunächst bewusst nicht alle Hallen bespielen, sondern sehr behutsam wachsen, um den Congress atmen zu lassen, den Geist unserer Community zu bewahren und dabei sowohl dem Druck durch die Personendichte als auch den Druck durch die Ticketzahlen maßvoll gerecht zu werden. Denn seien wir ehrlich: Einfach nur mehr Teilnehmerinnen willkommen zu heißen, macht noch keine Community aus.
Wir wissen, dass „mehr Raum“ auch „mehr Wege“ bedeuten kann und wollen dafür sorgen, dass jeder Weg ein Erlebnis wird, indem es überall Platz zum Hinsetzen, Treffen, Ausruhen und Austauschen geben wird.
Wir verstehen die Messe nicht als Ziel, sondern als Leinwand für unsere Ideen.
Was uns winkt
Eins der Kernziele des Umzugs ist, der gesamten Community einen viel größeren Spielplatz hinzustellen: Von verwinkelten Nischen bis zu riesigen, unbespielten Flächen gibt es alles, was unsere dezentralen Gruppen begehren. Und von der einzelnen Lötstation bis zur Speakers’ Corner, vom Habitat bis zum Projekttisch, vom Erfa-Karaoke zum Bobbycar-Rennen ist es nun an euch, aus Teilnehmerinnen begeisterte Komplizen zu machen, die wir im nächsten Jahr wieder – und dann als Engel und Nachwuchshackerinnen begrüßen können.
Und dabei wird der Congress im Kern bleiben, was er ist: Verkaufsbüdchen, Bauchläden mit Gratisproben und Marketing-Schwadrone werdet ihr weiterhin vergeblich suchen und alle kreativen Displays – außer Werbetafeln – sind willkommen.
Dabei freuen wir uns, dass mit dem Platzangebot auf der Messe der Platzbedarf der zentralen Orga nicht weiter mit dem der Dezentralen konkurriert: Durch mehr Bühnen bekommt einerseits das Hauptbühnenprogramm mehr Luft und kann ein breiteres Themenfeld abdecken. Gleichzeitig können sich Habitate wieder Freiräume erobern und eigene Spaces gestalten, räumlich wie auch – ganz wichtig – inhaltlich mit eigenem Programm voller Workshops, Vorträge und Party.
Die ehrenamtlichen Teams, die in den letzten Jahren in der Zwangsjacke Ballett tanzen mussten, bekommen Entfaltungs- und Rückzugsräume, um nicht auszubrennen. Und schließlich wird es viel mehr Freiräume für Kunst, Kultur, offizielle und inoffizielle Disco geben.
Möglich machen
Unsere Veranstaltungen offen und zugänglich zu halten, bedeutet für uns nicht einfach nur, die Kontingente im Ticketverkauf aufzublasen. Wir sind uns bewusst, dass klassische Fachmesse-Preise für viele von uns nicht erschwinglich sind. Da wir die Mischung in unserer Community als unendlich wertvoll empfinden, haben wir über Jahre durch eine Kombination von Friends- und Solidaritäts-Tickets den einzigartigen Spirit des Congress’ bewahren können.
Deshalb war für uns von Anfang an klar, dass ein Wechsel in die Messe keine höheren Eintrittspreise nach sich ziehen darf. Aus diesem Grund haben wir in harten Verhandlungen mit der Messe Konditionen erkämpft, aus denen heraus der Umzug keine Preissprünge nach sich zieht. Wir können somit räumlich wachsen, ohne die Kosten dafür an die Community weitergeben zu müssen.
Dies vorausgeschickt: Nachdem wir in den letzten Jahren alles daran gesetzt haben, die Teuerung abzufedern und nicht an euch weiterzugeben, ist dieser Spielraum inzwischen weitgehend ausgeschöpft. Über die Inflation hinaus werden wir den Eintritt aber nicht erhöhen.
Und nun los: Bereitet euch schon jetzt darauf vor, wieder mehr mitgestalten zu können. Sucht und bildet Banden, die auf dem Congress mit eigenen Kiezen, Projekten, Aktionen, Ständen und glorreichem feinen Fug glänzen wollen.
Später im Verlaufe des Jahres werden wir, wie gewohnt, Calls for Participation für die Bildenden Künstler, DJs, VJs, Bands, Workshops, Engel und Vortragende öffnen. Aber wer jetzt schon Ideen für sein Habitat hat und mit dem Mehr an Platz etwas Aufregendes gestalten will: meldet euch bei uns unter [email protected]!